Durch Fortschritte und Veränderungen in der Medizin und Therapie einerseits und durch Gesundheitsreformen und Sparzwänge andererseits ha-ben sich die Liegezeiten bei stationären Aufenthalten auch bei Kindern und Jugendlichen in jüngster Zeit drastisch verkürzt. Dies wird sich durch gesundheitspolitische Maßnahmen wie Fallpauschalen, Desease-Management-Programme (DMP) sowie durch den Ausbau tagesklinischer und ambulanter Behandlungszentren weiter verstärken.
Die Entwicklung eines erweiterten pädagogischen Konzepts der Schule für Kranke vor dem Hintergrund des besonderen Förderbedarfs, wie er sich aus der Lebenslage kranker Schülerinnen und Schüler ergibt, muss sich mit diesen veränderten Bedingungen innovativ und flexibel ausei-nandersetzen.
Diagnostische Entwicklungen haben bewirkt, dass sich die Lebenser-wartung der Menschen in den vergangenen 100 Jahren nahezu ver-doppelt hat.
Infektionskrankheiten und Volksseuchen, früher die häufigsten Todes-ursachen, sind weitgehend unter Kontrolle gebracht. An ihre Stelle tre-ten mehr und mehr chronische Erkrankungen, die vor wenigen Jahren meist früh zum Tode führten, heute jedoch „behandelbar" sind, was aber nicht zwangsläufig mit „heilbar" gleichzusetzen ist.
Die Verbesserung der Überlebenschancen durch Medizin, Pharmako-logie und technischen Fortschritt (z.B. im Frühgeborenenbereich oder in der Transplantationsmedizin) vermag zwar das Leben eines jungen Menschen zu retten, seine Gesundheit kann aber nicht erzwungen werden. So bleibt für viele Kinder und Jugendliche das Leben mit dem Schicksal einer dauerhaften Krankheit belastet.
Nach ärztlichen Statistiken sind derzeit ca. 15 bis 20 % aller Kinder und Jugendlichen von längerfristigen oder chronischen Krankheiten be-troffen.
Zugenommen haben aber auch die Erkrankungen in psychiatrischen Bereichen, z.B. Essstörungen wie Magersucht und Bulimie sowie in der Psycho-somatik mit ihren vielschichtigen Krankheitsbildern, von Trau-matisierung durch Misshandlung und Missbrauch, über Migräne bis zum ADHS-Syndrom, um nur einige wenige zu nennen.
Diese alarmierenden Zahlen stellen uns vor eine neue, ernst zu neh-mende gesellschaftliche und pädagogische Herausforderung.
Die modernen Möglichkeiten medizinischer Behandlung einerseits und die steigenden Kosten im Gesundheitswesen andererseits haben zu einer dramatischen Verkürzung der stationären Liegezeiten geführt, ein Prozess, der noch weiter im Gange ist. Behandlung und Pflege werden von teilstationären, tagesklinischen und ambulanten Einrich-tungen übernommen, was viele, besonders berufstätige Eltern vor schwierige finanzielle und soziale Probleme stellt.
Gerade erst hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Para-digmenwechsel vom linear-wissenschaftlichen Denken und Handeln der Medizin, die nur den objektiven Krankheitsfall im Blickfeld hatte, vollzogen - hin zu einer humanisierten, ganzheitlichen und integrati-ven Medizin.
Der Kranke wurde als Patient mit körperlichen und seelischen Bedürf-nissen behandelt. Diese ganzheitliche Sichtweise führte in der Kinder-heilkunde zu intensiver Zusammenarbeit mit der Pädagogik und da-durch zur Entwicklung der Schulen für Kranke.
Es steht nun zu befürchten, dass strukturelle und kostendämpfende Veränderungen einen erneuten Paradigmenwechsel in Gang setzen werden. Der Patient, heute schon als „Kunde" bezeichnet, wird nach den strengen Vorgaben der „Desease-Management-Programme" behandelt werden. Der Arzt als „Programm-Manager", von den Kassen abhängig, wird sich zwangsläufig aus dem „ethisch geschützten Raum der Arzt-Patienten-Beziehung" (G.Ruber/Benningen) zurückzie-hen müssen.
Hatte V.v.Weizsäcker erfolgreich die Ergänzung der „Medizin der Be-funde" durch eine „Medizin der Befindlichkeit" eingefordert, so sehen wir als Pädagogen mit Sorge einer nur „kundenorientierten" Medizin entgegen. Diese wird mit dem Verlust der Autonomie des Patienten sowie der integrierenden Begleitung durch ein multiprofessionelles Team - einschließlich des Lehrers - in ihrer bisherigen Form einherge-hen.
Die Schulen für Kranke sind ausgestattet mit dem Auftrag, den Rechtsanspruch kranker Kinder und Jugendlicher (BayEUG) auf Bil-dung und Erziehung zu gewährleisten.
Sie müssen sich aber den neuen Herausforderungen stellen, indem sie die strukturellen Veränderungen von
aufgreifen.
Sie müssen ihre pädagogischen und integrativen Aufgaben erweitern in den Bereichen:
Als zentrale, zukunftsorientierte Kernkompetenzen müssen sie in ein tragfähiges pädagogisches Konzept eingebunden werden.
Intensivere Therapien, engerer Zeitrahmen, schnellerer Wechsel der Schülerpatienten und Heterogenität der Schülerschaft erfordern, dass das Unterichtsangebot immer mehr vom Gruppen- zum individuelle-ren Einzelunterricht umgestaltet werden muß.
Individuell bedeutet hier, dass der Unterricht unter Berücksichtigung der jeweiligen Befindlichkeit und Belastbarkeit am tatsächlichen Leistungsstand und Leistungsvermögen des Schülerpatienten ansetzt.
Unterricht mit kranken Schülern unterscheidet sich wesentlich von Nachhilfe- oder Stützunterricht, da er neben der Vermittlung des essentiellen Lernstoffs vor allem auch Einsichten in Denk- und Lernstrukturen weckt. Lernen lernen unter krankheitsbedingten körperlichen, psychischen und zeitlichen Einschränkungen erfordert vom chronisch kranken Schüler ein Lebens- und Lernmanagement, verbunden mit Selbstvertrauen und Selbstdisziplin.
Geeignete, auf die persönlichen Bedürfnisse ausgerichtete Lern- und Arbeitstechniken und die langfristige pädagogische Begleitung und Beobachtung durch den Kliniklehrer schaffen die Voraussetzungen dafür.
Auch im multiprofessionellen Team ist der Pädagoge verstärkt gefor-dert. Er nimmt diagnostische und beratende Funktionen wahr, die zur Prävention und Abklärung psychischer und physischer Erkrankungen und zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs dienen. Individuelle, interdisziplinäre Förderpläne müssen erstellt und präventi-ve Maßnahmen auch für Geschwisterkinder erarbeitet werden.
Eine weitere Akzentverschiebung ergibt sich aus dem häufigen Wech-sel zwischen stationären, teilstationären, tagesklinischen und ambu-lanten Förderorten einschließlich der Therapiepausen zuhause, Re-hamaßnahmen und zeitweiligen Besuchen der Heimatschulen.
Unabhängig von den Förderorten muss die Schule für Kranke in Zu-kunft ihre besonderen pädagogischen Aufgaben in diesem erweiter-ten Spektrum außerhalb der Kliniken im Sinne eines „offenen", flexib-len und kooperativen Systems wahrnehmen.
Dazu gehören vor allem die aktive Vorbereitung und Gestaltung der Reintegration in die Heimatschule oder die Integration in eine entsprechende Einrichtung einschließlich der weiterführenden Begleitung und Beratung, sowie der Hausunterricht.
Die Kooperationsmaßnahmen mit den Heimatschulen müssen intensiviert werden. Berichte, Förderpläne, Heimatschulbesuche, Projekte und Informationsveranstaltungen über Krankheiten und ihre schulisch relevanten Auswirkungen, sowie die Regelung individueller, stützender Maßnahmen als Nachteilsausgleich für kranke Schüler, aber auch die Vermittlung von besonderen Lern- und Arbeitstechniken gehören zu den unerlässlichen Zukunftsaufgaben der Schule für Kranke.
Das BayEUG schreibt auch die Weiterentwicklung des bereits erfolgreich angelaufenen Unterrichtsangebots durch Video-Konferenzschaltungen vor.
Der Einsatz neuer Medien bei kranken Kindern und Jugendlichen muss verantwortungsbewusst und pädagogisch sinnvoll geschehen. Für die Schule für Kranke entsteht hier ein ausgedehntes Aufgabenfeld, das durch die unterschiedlichsten Förderorte und die dadurch entstehen-den technischen Probleme gekennzeichnet ist.
Virtueller Unterricht darf in Zeiten knapper finanzieller Mittel keinesfalls den Lehrer als Bezugsperson kranker Schüler ersetzen.
Diese hohen Erwartungen setzen besonders kompetente Lehrkräfte voraus, die bereit sind, sich auf die vielseitigen Anforderungen einzulassen und sich in den erweiterten Bereichen fortlaufend weiterzubilden. Die kommenden Aufgaben erfordern auch eine wachsende Flexibilität und eine höhere Präsenz für die Beratungsaufgaben.
Die vielfältigen Aufgaben der Schule für Kranke im Hinblick auf den sonderpädagogischen Förderbedarf kranker Kinder und Jugendlicher können vor dem Hintergrund der sich verändernden medizinischen und gesundheitspolitischen Landschaft nur durch eine angepaßte Schulentwicklung erfüllt werden.
Ziel muß ein „Schul- und Kompetenzzentrum" sein, das kranke Schüle-rinnen und Schüler auf dem Weg zu „gleichwertigen Lebens- und Bil-dungschancen", wie sie von der KMK vom 5.10.2000 gefordert worden sind, begleitet.
Ursula Gantenberg
Sonderschulrektorin
Staatliche Schule für Kranke München
Haus 22, Kölner Platz 1,
80804 München
Tel.089-3068-3978
Fax 089-3068-3977