STAATLICHE SCHULE FÜR KRANKE MÜNCHEN

Unterricht

Schullaufbahn scheinbar festgefahren –
Änderung nicht unmöglich

Michaela, 15 Jahre
Stationäre Aufenthaltsdauer 4 ½ Monate
Diagnose: Diabetes mellitus seit dem 7. Lebensjahr
Bulimia nervosa

Vorgeschichte

Michaela stammt aus einer Familie mit fünf Kindern. Der Vater war über Jahre hinweg stark alkoholabhängig und in diesem Zusammenhang extrem gewalttätig, was schließlich zur Trennung der Eltern führte.
Michaela lebte ab August 2000 in verschiedenen therapeutischen Wohngemein-schaften, wo sie sich zuletzt gegenüber Betreuern und Mitbewohnern zunehmend aggressiv zeigte und suizidal reagierte, so dass ein weiterer Aufenthalt dort nicht mehr möglich war. Anschließend lebte sie wieder bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Dort kam es immer wieder zu eskalierenden Ausbrüchen zwischen ihr und der Mutter. Zudem zeigte sie keinen verantwortlichen Umgang mehr mit ihrer Diabetes. Sie maß kaum noch Werte, spritzte aber regelmäßig und geriet dadurch ständig in Über- oder Unterzucker. Dazu kamen regelmäßige Heißhungerattacken mit Erbrechen. Außerdem verletzte sie sich selbst mit Spritzennadeln, litt unter suizi-dalen Gedanken und vermied seit Juli 2002 den Schulbesuch. Im Oktober 2002 befand sich Michaela nach einem Suizidversuch erstmals im Krankenhaus. Im März 2003 wurde sie schließlich auf die psychosomatische Station aufgenommen.

Schullaufbahn

Michaela ging nach der Grundschulzeit auf ein Gymnasium, dessen Besuch sie nach der 6. Klasse abbrach und auf eine Hauptschule wechselte. Zum Zeitpunkt der Auf-nahme in die psychosomatische Abteilung befand sich Michaela in der 8. Klasse Hauptschule im 9. Schulbesuchsjahr.
Bereits zu Beginn ihres Besuches in der Klinikschule äußerte Michaela den Wunsch an eine Realschule bzw. Wirtschaftsschule zu wechseln, da sie die Mittlere Reife an-strebte. Bereits bei der ersten Kontaktaufnahme mit der Heimatschule berichtete die Rektorin, dass sich Michaela mehr durch aggressives Verhalten und durch Fernbleiben vom Unterricht hervorgetan hatte als durch positiven Lern- und Arbeitswillen.
In der Klinikschule versuchte sie zunächst Anschluss an den aktuellen Stoff der Hauptschule in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik zu halten bzw. ent-standene Lücken zu schließen. Dies gestaltete sich nicht selten als schwierig, da Michaelas Diabetes wegen der hohen psychischen Belastung ständig entgleiste und sie sich dadurch nur sehr erschwert auf den Unterrichtsstoff konzentrieren konnte.
Um abzuklären, welche Möglichkeiten es für Michaela gab, den von ihr gewünschten Schulabschluss zu erreichen, vereinbarte ich einen Termin bei der Staatlichen Schulberatungsstelle, den wir gemeinsam wahrnahmen. Das Ergebnis der Beratung war nicht sehr ermutigend. Michaela hätte im Jahreszeugnis der 7. Jahrgangsstufe in den Kernfächern einen bestimmten Notendurchschnitt nachweisen müssen, konnte dies aber wegen ihres sporadischen Schulbesuchs und der damit fehlenden Leistungsnachweise nicht. Alternativ wäre die Aufnahme in die Real- oder Wirtschafts-schule durch ein perspektivisch positiv formuliertes Gutachten der abgebenden Schu-le möglich gewesen. Dazu war die Schulleitung aus den genannten Gründen nicht in der Lage. Ein Wechsel in eine private 3-stufige Wirtschaftsschule scheiterte aus finanziellen Gründen. Die Überlegung, zunächst an einer Hauptschule in einer 9. Klasse den Qualifizierenden Hauptschulabschluss abzulegen und anschließend in einer M 10 den Mittleren Schulabschluss zu erwerben, blieb somit die einzige Lösung.
Eine Woche vor Beginn der Sommerferien kam die ersehnte Zusage einer Wohngemeinschaft in München. Der Schulleiter der zuständigen Sprengelschule nahm Michaela sehr wohlwollend und verständnisvoll auf.
Michaela besucht seit Beginn des Schuljahres die 9. Klasse Hauptschule, in der der Schulleiter gleichzeitig ihr Klassenleiter ist. Die Schülerin hat sich von Anfang an gut in die neue Klassengemeinschaft eingefügt und arbeitet konsequent auf einen guten Schulabschluss hin.

Michaelas Meinung zur Schule im Krankenhaus

Als ich zum ersten Mal ins Krankenhaus kam, forderten die Ärzte und Schwestern mich auf, in die Schule zu gehen. Ich war jedoch der Meinung, wenn ich krank bin, brauche ich nicht in die Schule zu gehen.
Das änderte sich, als ich zum zweiten Mal ins Krankenhaus kam. Nachdem nach und nach meine Probleme bearbeitet wurden, ging ich immer lieber in die Schule. Zwar war ich nicht immer hochkonzentriert, aber ich versuchte meistens gut zu arbeiten. Durch die Krankenhausschule lernte ich endlich wieder, dass es gar nicht schlimm ist, in die Schule zu gehen. Ich konnte sogar den Stoff lernen, der gerade in der Schule dran kam.

Wanda Simon
Sonderschullehrerin
Staatliche Schule für Kranke
Kölner Platz 1, Haus 22, 80804 München