Nun haben wir schon fünf Tage lang dieses trübe nasskalte Novemberwetter. Meine Schüler im Schwabinger Krankenhaus leiden auch darunter und lassen mich ihre Stimmung deutlich spüren. Doch nun bin ich schon sehr gespannt, wie meine heutige Mathematikstunde ankommt.
Acht magersüchtige Mädchen kommen pünktlich um acht Uhr in die Schule. Schwer mit ihren Schultaschen bepackt betreten sie mit einem kaum hörbaren Hallo und gesenkten Köpfen die Schulzimmer. Bei mir im Unterricht sind Kathi und Anna ( 10.Kl.Gym ), Julia ( 9. Kl. Gym) und Sybille ( 9.Kl. RS), die ganz besonders »begeistert« ist von der Mathematik. Lustlos packen die vier die Bücher aus, schweigen und warten auf meine Aufträge. »Lahm wie gestern« denke ich, mache leise Musik an und fordere sie auf, ihre Augen zu schließen, sich in Gedanken an einen wunderschönen Platz zu begeben und es sich dort gemütlich zu machen...
»Na wo wart ihr?« Ich blicke in offene, freudige Minen und lasse die vier begeistert von ihren Traumlandschaften erzählen. Als ich dann ein Urlaubsbild vom Indischen Ozean projiziere, geht ein begeistertes »Oh« durchs Zimmer. Ich freue mich über den Stimmungsaufschwung. Im nächsten Bild zeige ich ihnen einen einheimischen, jungen Mann, der eine Kokosnusspalme hochgeklettert ist. Das Interesse der Mädchen wächst. » Wie hoch ist der wohl geklettert?« Nun ist auch Sybille interessiert dabei. Die Mädchen aus der 10.Klasse erinnern sich vage an ähnliche mathematische Problemstellungen und machen Lösungsvorschläge und schon sind wir mitten drin im Kapitel der zentrischen Streckung. »7m hochgeklettert«, die vier staunen bei der Vorstellung, dass die Höhe dem 3. Stock des Krankenhauses entsprechen würde. Kathi und Anna bearbeiten nun ihren eigenen Lernstoff, Aufgaben zu den Potenzgesetzen, und Sybille und Julia diskutieren nochmals den Lösungsansatz. Am Ende der Stunde wollen die Mädchen unbedingt noch ein Bild von unserem jungen Sportler sehen und verlassen vergnügt das Zimmer. Auch ich habe den grauen Himmel vergessen und freue mich auf die nächste Gruppe.
Nach dem Gruppenunterricht erhält Sybille, die bald ihren Krankenhausaufenthalt beenden kann, noch eine Einzelstunde, damit sie den stofflichen Anschluss an ihre Heimatklasse erhält.
Nun steht Hanna ( 8.Gym) bei mir auf dem Stundenplan. Sie ist an Leukämie erkrankt und erhält derzeit eine sehr starke Chemotherapie. Auf dem Weg zu ihr in die Station gehen mir so allerlei Gedanken über ihren Krankheitsverlauf durch den Kopf.
»Hallo Hanna? Wie geht´s dir heute?« Und Hanna erzählt mir von dem hohen Fieber, das sie nachts bekommen hat und der Infusion, die sie gerade erhält. Eigentlich traue ich mich kaum, sie zu fragen, ob sie Mathematik mit mir machen möchte. Als ob Hanna meine Gedanken lesen kann, sagt sie: »Aber a bisserl Mathe geht schon!« Stolz zeigt sie mir ihre Hausaufgaben und genießt das Lob für die richtigen Lösungen. Wir faktorisieren und kürzen Bruchterme und freuen uns dabei über erkannte binomische Formeln. Bald stelle ich fest, dass es Hanna heute schwer fällt sich zu konzentrieren und logisch zu denken, weshalb wir auch nur langsam vorankommen. Nach drei Aufgaben ist sie erschöpft und möchte gerne aufhören.
»Können wir heute nicht mal ein bisschen Geografie machen? Sie haben es mir doch letzthin mal versprochen,« fragt Hanna. »Ja gerne«, antworte ich ihr, da ich sie irgendwie jetzt auch nicht so ganz allein im Zimmer zurücklassen wollte. Hanna erzählt von ihrem Haus in Griechenland direkt am Meer in einer wunderschönen Bucht. Um es genau zu lokalisieren zeichnet sie eine Umrisskarte von Griechenland auf und trägt die größeren Städte und Gebirge Nordgriechenlands ein. Wir unterhalten uns über die verschiedenen Möglichkeiten der Anreise und Hanna erzählt von den Orten, die sie schon besichtigt hat. Ein kurzer Blick auf die Uhr lässt mich erstaunen wie schnell die Zeit vergangen ist. Ziemlich abrupt muss ich nun die Stunde beenden, da ich in 15 Minuten bereits in einer anderen Klinik Unterricht halten soll. Eigentlich schade, da wir beide echte Griechenland-Fans sind und viel zu erzählen hätten. Ich verabschiede mich von Hanna und habe dabei ein Gefühl, als ob sie in der letzten dreiviertel Stunde ihre Krankheit vergessen hätte.
Mein pädagogisches Gewissen erinnert mich wieder daran, wie wichtig es ist, als Lehrkraft flexibel auf die Situation der kranken Kinder einzugehen, um Aufmerksamkeit und Lernvermögen zu fördern ohne sie zu überfordern.
In der Psychiatrie werde ich eine neue Patientin kennen lernen. Es beschleicht mich ein mulmiges Gefühl, denn es ist nicht immer einfach auf der geschlossenen Abteilung zu unterrichten. Meine bisherigen Erfahrungen mit den psychiatrisch Kranken sind sehr unterschiedlich gewesen. Teilweise ist es auf Grund der Erkrankung bzw. der Medikation schwierig Kontakt zum Schüler herzustellen, Lerninhalte zu vermitteln und konzentriert zu arbeiten.
Auf der Station werde ich zuerst vom behandelnden Arzt über die Krankheitsgeschichte und den sozialen Hintergrund der Patientin informiert. Es handelt sich um Stefanie, eine begabte Schülerin der 13. Klasse, die ihre Facharbeit in Mathematik beendet und sich die komplexe Materie so verinnerlicht hatte, dass sie den hohen Ansprüchen nervlich nicht standhalten konnte. Es ist nun meine Aufgabe zu sehen, in wie weit Denkblockaden vorhanden sind und Konzentrationsstörungen die Arbeit behindern.
Ich wage mich kaum, dem Vorschlag der Schülerin zu folgen und eine Kurvendiskussion der Integralfunktion mit ihr zu bearbeiten. Um so überraschter stelle ich fest, dass Stefanie problemlos in die weniger komplexen Aufgabenstellungen einsteigen und Lösungsansätze darstellen kann. Sichtlich erfreut nimmt sie meine anerkennenden Worte auf. Allerdings ist Stefanie nach einer halben Stunde erschöpft und nicht mehr belastbar, so dass ich den Unterricht beende. Sie scheint jedoch nicht unzufrieden mit sich zu sein.
Auf dem Heimweg gehen mir die einzelnen Schülerinnen, die ich vormittags unterrichtet habe, nochmals durch den Kopf, und ich wünsche mir, dass alle nicht nur in ihrem Lernstoff weiter gekommen sind, sondern auch die sonnigen Gedanken und ihre Erfolgserlebnisse in den Nachmittag hinein mitnehmen werden.
Ingrid Glauz
Realschullehrerin
Staatliche Schule für Kranke München
Kölner Platz 1, Haus 22, 80804 München