STAATLICHE SCHULE FÜR KRANKE MÜNCHEN

Unterricht

Schulischer Alltag
einer Kliniklehrerin im Kinderzentrum München

Warum soll F. in die
Schule für Kranke im Kinderzentrum?

F. besuchte die Klasse 1 einer Münchner Sonderpädagogischen Diagnose- und Förderklasse. Auf Initiative von ASD, Sonderpädagogischem Förderzentrum und Kinderarzt wurde er im Mai seines 1. Schuljahres vollstationär auf der Kinderstation des Kinderzentrums München aufgenommen.
Aufnahmegrund war ein Verdacht auf ADS bei knapp durchschnittlichem, recht uneinheitlichem Begabungsprofil. In der Schule wurde F. zunehmend untragbar aufgrund einer massiven Umtriebigkeit und Unruhe, verbalen und tätlichen Übergriffen gegenüber Mitschülern und Erwachsenen und stark sexualisiertem Verhalten. F. ist das jüngste Kind einer Familie mit fünf Kindern, von denen drei in Wohngruppen oder Heimen untergebracht sind.

Bereits die Aufnahme von F. im Kinderzentrum stellte sich als recht dramatisch dar, da die Mutter zwei Aufnahmetermine „platzen" ließ und die Stammschule mich täglich über F.´s Erscheinen oder Abwesenheit informierte.
Mit Arzt, Sozialdienst und Psychologin wurde der Fall besprochen. Wir beschlossen zunächst genaue Leistungsfeststellung und Gestaltung eines günstigen schulischen Settings:
- Schaffen von Erfolgserlebnissen durch Leistungsreduzierung und geringeres Stundenmaß
- Tokensystem, welches das erfolgreiche Einhalten von besprochenen schulspezifischen Verhaltensweisen verstärkte; als Bestandteil des stationären Verstärkersystems
- Kontaktaufnahme mit der Heimatschule.

F. stellte sich in der Klinikklasse als Kind mit besonderem Zuwendungsbedarf dar. Er erzählte gerne, fühlte sich insgesamt rasch ungerecht behandelt, worauf er mit Bockigkeit, unflätigen Ausdrücken reagierte. Gegenüber Mitschülern war er bestrebt, sich als der „coole Typ" darzustellen, der tut, was er will. Vor mir wollte er gerne im positiven Licht erscheinen. Die Schulsituation schien sich als Gratwanderung zwischen Fördern und Fordern darzustellen; d.h. ihn bei „Laune zu halten" und zudem zu fordern.

Der Schulalltag in der Klinikschule

Erwünschte schulische Verhaltensweisen (Meldeverhalten, leise sein bei Stillarbeit, Anstrengungsbereitschaft) wurden mit einem Punkteplan verstärk, die in Aussicht gestellten Vergünstigungen konnten ihn sehr motivieren. In der ersten Schulwoche wurde F. von einem psychologischen Assistenten in der Schulsituation begleitet, um ihn beim Einschleifen erarbeiteter positiver Arbeitsstrategien zu stützen. F. hatte drei Ermahnungen gut (bzgl. unflätiger Ausdrücke, verbalen und tätlichen Aggressionen),
nach der dritten musste er die Schulsituation verlassen und die jeweiligen Arbeitsaufträge alleine bearbeiten. Einen Tagespunkt bekam er nur, wenn er von fünf angebotenen Konzentrationseinheiten drei erfolgreich bewältigen konnte.
F. wurde täglich im Unterricht gefilmt. Im Team wurden die Beobachtungen ausgewertet und bewertet. Nach und nach zog sich der psycholog. Assistent aus dem Unterricht heraus und das Stundenmaß wurde kontinuierlich erweitert.

F. saß neben meinem Tisch, wir hatten einen guten päd. Bezug aufgebaut, die schulischen Erfolgserlebnisse spornten ihn sehr an. Seine Selbststeuerungsfähigkeit wurde von Tag zu Tag besser. Trotzdem war seine Reizempfindlichkeit noch besonders hoch, seine Frustrationstoleranz sehr niedrig. Es wurde ein Ritalinversuch durchgeführt; ich hatte die Aufgabe, ihn besonders genau zu beobachten und die FFB-HKS-Ratings täglich auszufüllen.
Insgesamt fand täglich eine kurze Teambesprechung statt. Eine ihn stützende Medikation wurde entschieden. Übereinstimmend wurde beschlossen, dass die Schulsituation weiterhin stark strukturiert sein sollte, was für mich bedeutete, dass ich den Unterrichtsablauf ganz exakt für F. vorbereiten musste, um seine Lerninhalte innerhalb der gesamten Klinikklasse (und weiteren stark förderbedürftigen Schülern) zu koordinieren.

Was ist außerdem noch erforderlich?

- Zunächst fand ein ausführliches Anamnesegespräch (Fragebogen) mit der Stammschullehrerin statt, mit der ich mich ständig über das weitere Vorgehen austauschte.
- Bei Entlassung erstellte ich einen ausführlichen Bericht über den Schüler F.
- Es fanden regelmäßige Teambesprechungen (Informationsaustausch, gemeinsame Beschlüsse über das weitere Vorgehen) mit allen befassten Disziplinen im Kinderzentrum statt..
-Ich nahm an den Helferkonferenzen teil.
-In regelmäßigen Abständen führte ich Elterngespräche (es war sehr schwierig, den Vater zu Gesprächen zu gewinnen; die Mutter kam regelmäßig).

Was geschieht nach der Entlassung?

F. wurde in den Sommerferien entlassen. Ab September sollte er wieder seine alte Klasse besuchen. Ich nahm nach den ersten beiden Schulwochen Kontakt mit der Stammschullehrerin auf, die berichtete, dass es „einigermaßen" mit ihm gehe. Das in vielen Helferkonferenzen erarbeitete engmaschige soziale und leistungsfördernde Hilfenetz schien für F. und seine Familie zu greifen. Im Oktober verständigte mich die Psychologin, dass bei einem ambulanten Nachbetreuungstermin die Mutter berichtete, dass F. schulisch wieder zunehmend auffällig sei. Ein Telefonat mit der Stammschullehrerin ergab, dass F. derart untragbar geworden sei, dass die Schulleiterin ein Schulverbot ausgesprochen hätte. Zahlreiche Telefonate und interne Teamsitzungen folgten, während F. ohne Unterricht zu Hause war.
Schlussendlich konnte F. in dem Picassio-Schulprojekt der Stadt München untergebracht werden, in dem er besondere Betreuung erhielt..

Michaela Mosch
Sonderschullehrerin
Staatliche Schule für Kranke München
Kölner Platz 1, Haus 22, 80804 München