STAATLICHE SCHULE FÜR KRANKE MÜNCHEN

Schule und Zeitung

»HERAUSGEFALLEN«

der Bericht erschien 2002 in der Süddeutschen Zeitung

Brief eines Jugendlichen aus der Klinikklasse im Krankenhaus München Bogenhausen, der durch seine Krankheit aus dem Netz seines sozialen und schulischen Umfelds gefallen ist.
An eine gute Freundin, die bei Frankfurt wohnt und mich bat, ihr und anderen interessierten Jugendlichen Genaueres über die Entstehung und den Verlauf meiner Krankheit zu erzählen:

1. Wie alles anfing

Ich heiße Fabian Aulbach, bin 21 Jahre alt, bis zum Abschluss der Staatlichen Wirtschaftsschule in Deggendorf Juli 1998 erschien mir mein Leben und meine Schullaufbahn wie bei allen anderen auch.
Aber ich habe von Geburt an ein Angiom im Kopf. 4 % der Menschen sind von dieser Missbildung betroffen. Mit 12 Jahren habe ich durch eine erste leichte Blutung erfahren, dass ich von dieser Krankheit betroffen bin. Bei einem Freund zu Hause bekam ich starke Kopfschmerzen , so dass ich um 6.00 Uhr früh nach Hause zu meinen Eltern ging. Hinzu kam auch starkes Erbrechen. Mit einem Krankenwagen wurde ich in das Kreiskrankenhaus Deggendorf gebracht. Dort wurde anhand einer Computertomographie das Angiom sowie die Blutung im Kopf festgestellt. Das Angiom sitzt in der rechten Gehirnhälfte an einer sehr ungünstigen Stelle und ist so groß wie eine Orange, so dass es inoperabel war und ist.

2. »Als ich aus dem künstlichen Koma geholt wurde, phantasierte ich sehr stark«

Bis auf vorübergehendes Kribbeln in der linken Körperhälfte hatte ich anschließend Ruhe, bis ich 19 Jahre alt war. In dieser Zeit beendete ich die Wirtschaftsschule und begann eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann. Im November 1999 erlitt ich eine zweite, schwerere Blutung. Die Symptome begannen mit sehr starken Kopfschmerzen und Erbrechen. Die Schmerzen waren so stark, dass ich eigentlich nur noch sterben wollte und nach Drogen geschrieen habe, damit diese Schmerzen, die von den Ärzten "als Vernichtungsschmerz" definiert werden, aufhören. Ich lag auf dem Boden, meine Schwester saß auf der Treppe und weinte und ich verlor innerhalb von Minuten das Bewusstsein. Der Rettungsdienst und der Notarzt waren innerhalb kurzer Zeit da und brachten mich in das Krankenhaus in Landshut. In Landshut lag ich 2 Wochen auf der Intensivstation im künstlichen Koma. In den Schädel wurde eine Drainage gelegt, wo das Hirnwasser und das Blut abgeleitet wurde, damit sich der Schädeldruck nicht erhöhte. Als ich langsam aus dem künstlichen Koma geholt wurde, phantasierte ich sehr stark, nach Angaben der Ärzte bzw. meiner Eltern. Von Landshut wurde ich zur Frührehabilitation nach Mainkofen verlegt. Die Folgen aus dieser Blutung waren etwas verminderte Reaktionen, aber ansonsten keine körperlichen Beeinträchtigungen und auch keine Lähmungen oder Sprachstörungen. Nach 4 Wochen wurde ich aus der Frührehabilitation entlassen und konnte wieder nach Hause zurückkehren. Mein Gesamtzustand hat sich soweit verbessert, dass die Lebensumstände wieder als normal zu bezeichnen waren.

3. Dritte Blutung nach der ,Embolisierung' in der Benjamin-Franklin-Klinik

Über Internet habe ich erfahren, dass es in Berlin eine Behandlungsmethode gibt, die sich Embolisierung nennt. Dabei wird über eine Sonde die in den Schädeleingeführt wird versicht, das Angiom zu verkleben und damit stillzulegen. Im Februar und im Mai 2000 war ich zweimal zur Behandlung in Berlin. Es waren zu diesem Zeitpunkt noch mehrere Sitzungen vorgesehen.
Nach der zweiten Behandlungsrunde in Berlin hatte ich am zweiten Tag nach der Rückkehr wieder sehr starke Kopfschmerzen und ein Taubheitsgefühl in der linken Körperhälfte. Der Notarzt und der Rettungsdienst wurden sofort verständigt und ich wurde wieder in das Krankenhaus in Landshut auf die Intensivstation eingeliefert. Dort wurde eine Computertomographie durchgeführt, die ergab, dass die Behandlung in Landshut nicht möglich war. Zwischenzeitlich hatte ich auch das Bewusstsein verloren. Mit dem Rettungshubschrauber wurde ich in die Uni-Klinik nach Regensburg gebracht, wo durch Entnahme der rechten Schädeldecke eine Operation vorgenommen wurde. In Regensburg lag ich ca. 3 Wochen im künstlichen Koma, bis ich wieder langsam zurück geholt wurde. Die Folgen dieser dritten Blutung waren ungleich schwerer, weil sich während der Intensivbehandlung eine Spastik der linken Körperhälfte entwickelte. Nach 6 Wochen Aufenthalt in Regensburg wurde ich für 10 Monate stationär in die Neurologische Rehaklinik nach Bad Aibling verlegt. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich mich nur noch im Rollstuhl fortbewegen. Ich kann bis heute weder laufen noch meine linke Hand benutzen. Alle Behandlungen bzw. Therapiemaßnahmen waren erfolglos. Ich bin seit der letzten Blutung an den Rollstuhl gefesselt und auf die Hilfe meiner Eltern bzw. auch fremder Leute angewiesen.

Im Dezember 2000 wurde im Klinikum Großhadern in München eine künstliche Schädeldecke eingesetzt. Diese Operation verlief erfolgreich.

4. Kommt die Wende durch die »Gamma-Knife«-Behandlung?

Im Klinikum Großhadern wurde auf eine Behandlungsmethode hingewiesen, die sich »Gammaknife« nennt. Durch die dritte starke Blutung wurde das Angiom zu einem großen Teil zerstört. Der verbleibende Rest war in einer Größenordnung, wo sich eine Gammaknifebehandlung erfolgreich durchführen lässt. Bei dieser Methode werden nach einer Computerberechnung und einer vorausgehenden Angiographie punktgenau Gammastrahlen auf dieses Angiom gebracht, die es dann im Laufe eines Zeitraumes von 1 1/2 Jahren zerstören. Diese Behandlungsmethode gibt es nur zweimal in Deutschland, davon einmal in München. Im Februar 2001 wurde die Gammaknifebestrahlung bei mir durchgeführt. Nach Angaben des ausführenden Arztes dauert es ca. 1 1/2 Jahre, bis festgestellt werden kann, ob dieses Angiom völlig zerstört wurde und damit kein Blutungsrisiko mehr besteht. Die Überprüfung ist dieses Jahr im August oder September fällig. Mit Abschluss der Bestrahlung beginnt das Blutungsrisiko zu sinken.

5. Lucy, meine große Hilfe im Alltag

Zu meiner Unterstützung und auch zu meiner Sicherheit habe ich ab Oktober 2001 einen ausgebildeten Behindertenhund bekommen. Dieses Tier unterstützt mich bei den Dingen im Alltag, die ich selbst nicht machen kann und schlägt Alarm, wenn eine gesundheitliche Verschlechterung droht. Vor allen Dingen dann, wenn ich in regelmäßigen Abständen leichte epileptische Anfälle bekomme.

6. Meine körperlichen und geistigen Kräfte kommen zurück

Seit Juni 2001 bin ich 3-4mal in der neuropsychologischen Tagklinik des Krankenhauses München Bogenhausen zur Physiotherapie, Ergotherapie und Sozialtherapie und bekomme in der Klinikklasse der Schule für Kranke Unterricht in Sozialkunde, Deutsch, Rechnungswesen und Englisch. Im Deutschunterricht habe ich den größten Teil dieses Briefes abn Dich geschrieben. Daneben arbeite ich 1x wöchentlich in meinem Ausbildungsbetrieb Frischdienst 2000. Ab September 2002 möchte ich meine Berufsschule und meine Ausbildung wieder voll aufnehmen.

7. Wenn ich mein Leben so anschaue, was hat sich zum Schlechteren verändert?

Die schlimmste Veränderung ist, dass ich nicht mehr laufen kann oder nur sehr mühsam - mit Unterstützung einer Schiene - über kurze Strecken. Ich habe vorher sehr gerne Fußball und Basketball gespielt. Dies ist jetzt vorbei. Da ich meinen linken Arm und meine linke Hand nicht mehr gebrauchen kann, bin ich bei bestimmten Tätigkeiten auf die Unterstützung von anderen angewiesen. Da ich in unregelmäßigen Abständen epileptische Anfälle bekomme, darf und kann ich auch nicht mehr selbst Auto fahren. Für viele Alltagstätigkeiten benötige ich fremde Hilfe. Meine Lehre und den Berufsschulbesuch musste ich einstellen. Ich werde sehr schnell müde und brauche während des Tages Erholungsphasen. Viele öffentliche Einrichtungen, Lokale und Veranstaltungen sind nicht behindertengerecht, so dass ich sie nicht alleine besuchen kann. Die Treffen mit dem früheren Freundeskreis werden immer seltener.

8. Was hat sich verbessert?

Wenn man überhaupt von einer positiven Veränderung sprechen kann, so ist dies die Behandlung mit Gammaknife, die eventuell das Angiom zerstört hat, so dass ich weniger Angst vor einer weiteren Blutung haben muss. Ansonsten gibt es in meinem Zustand keine positiven Veränderungen gegenüber meinem früheren Leben.

Allerdings sehe ich das Leben mit anderen Augen: ich habe es mehr schätzen gelernt, überhaupt zu leben und freue mich manchmal über Dinge, die mir früher gar nicht aufgefallen sind: über Blumen, über Tiere, besonders meine Hündin Lucy, die mich in Situationen unterstützt, die ich alleine nicht mehr bewältigen kann.

Grüße