Die Zahlen sind alarmierend: Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie) nehmen rapide zu: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Betroffenen verdoppelt. Essgestörte verweigern bzw. reduzieren die Nahrungsaufnahme mit unerbittlicher Härte gegen sich selbst. Ihr Ziel: Immer dünner werden. Das Ergebnis ist oft lebensbedrohliches Untergewicht.
Therapiezentren, die Hilfe anbieten, wie z. B. die Therapieplätze der Kinderklinik München-Schwabing oder des Krankenhauses München-Harlaching, haben z.T. lange Wartelisten.
Ich zweifle, ob ich jemals wieder irgendetwas tun kann ohne an essen zu denken und je wieder etwas essen werde ohne Kalorien zu zählen.«, liest Sophie und blättert in ihrem Tagebuch. Ein Blatt ist über und über ausgefüllt mit Abbildungen von Waagen verschiedenster Fabrikate. Bedrohliche Blitze umzingeln den knappen Bildtext: » 1 kg rauf, 2 kg runter!« »Das war zu Beginn meiner Therapie.«, kommentiert sie.
Sophie ist magersüchtig. Anorexie und Bulimie sind für sie und die sieben Mädchen ihrer Therapiegruppe für Essstörungen der Schwabinger Kinderklinik keine Fremdwörter, sondern niederdrückende Realität, die sie ohne die Hilfe erfahrener Therapeuten nicht in den Griff bekommen würden. Ein bis drei Jahre lebten die Mädchen bereits mit ihrer Essstörung, bis sie den Weg in die Klinik fanden.
»Es gibt viele Aspekte, die einen so weit treiben, bis zum
untersten Limit abzunehmen«, beginnt Laura. Bei ihr waren
es 38 kg - bei einer Größe von 1.65 m.
»Ein Figurproblem« war bei Julia der Auslöser. »Als
ich in einem Urlaub 5 kg mehr auf die Waage brachte, wollte ich
etwas abnehmen«. Probleme mit Freunden nennt Laura : »Ich
hab` mich minderwertig gefühlt und dachte, wenn ich schlank bin,
mögen sie mich lieber:« Ihr Resümee: »Null Selbstbewusstsein!«
Bettina verlor mit 6 Jahren beide Eltern. »Ich kam in eine
Pflegefamilie, in der ich keinerlei Rückhalt hatte.« Familiäre
Probleme anderer Art macht Tamara verantwortlich für ihre Essstörung.
Angst und Druck in der Schule kann eine weitere Ursache sein. Die
individuell verschiedenen Gründen der Erkrankung aufzudecken ist
eines der Ziele der Therapie.
Die Mädchen der Gruppe sind zwischen 11 und 18 Jahre alt. Der Beginn einer Essstörung liegt meist in der Pubertät, eine Zeit, in der häufig Zweifel über Aussehen, Gewicht und Figur die Jugendlichen beschäftigen. Magersucht ist jedoch nicht ausschließlich ein weibliches Problem, auch Jungen (allerdings nur ca. 5 %) sind davon betroffen. Oft findet ein fließender Übergang zur Bulimie statt.
Für Alexandra war der Anstoß eine schwere Grippe, bei der sie 5 kg abnahm. »Von da an beschloss ich weniger zu essen.« Es wurde immer weniger. Laura, die sich über ihren Frust und ihre Einsamkeit zunächst durch übermäßiges Essen hinwegtröstete, reagierte auf die besorgten Andeutungen der Mutter und die Hänseleien der Gleichaltrigen mit dem Entschluss »endlich richtig abzunehmen. Ich kürzte meine tägliche Essensration rapide, fing an übermäßig Sport zu treiben, hielt mich den ganzen Tag in Bewegung und entwickelte einen so starken Ehrgeiz, dass ich bald nur noch zwei Äpfel pro Tag aß. Dieser Ehrgeiz übertrug sich auch auf die Schule und ich fing an den ganzen Tag wie eine Wahnsinnige zu lernen. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit und Lust meine Freunde zu treffen.« Anna rutschte nach einem Jahr Magersucht noch zusätzlich in die Bulimie hinein: »Ich hatte täglich Fressanfälle mit anschließendem Erbrechen. Mein Leben bestand nur noch aus meiner Sucht dünn zu sein. Alles andere, was mir bis dahin so wichtig war, meine Freunde, meine Familie... habe ich total vernachlässigt und mich nur noch um mich und meinen Körper gekümmert. Hier war ich mein eigener Boss; keiner konnte mir da reinreden. Auf diese Weise verbrachte ich die letzten zwei Jahre. Der ganze Tag bestand nur noch aus essen, erbrechen und hungern.« Laura erzählt von anfänglich euphorischen Phasen: »Meine Mutter versuchte alles, um mich wieder zum Essen zu bewegen. Sie kümmerte sich den ganzen Tag um mich. Ich genoss es, die ganze Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Ich hatte Macht über mich und meinen Körper und auch über meine Mitmenschen.« Für Julia kam der Einschnitt während eines Urlaubs in der Türkei. Sie beschloss, nur noch »voll viel Obst und Salat« zu essen und nahm 3 kg ab: »Ich war total stolz auf mich und fühlte mich echt toll, dass ich etwas geschafft habe.« Hungern wurde für sie alle »die einzige Form des Lebens«. Für Tamara war es der Wechsel zwischen Hungern und Erbrechen. »Zum Schluss fraß und kotzte ich in halbstündigem Wechsel«.
Magersucht spielt sich vor allem im Kopf ab, die Selbstwahrnehmung ist gestört. Zitat aus Sophies Tagebuch: »Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nichts als Fett, Fett und nochmals Fett. Widerlich, ekelhaft. Ich hasse mich.« Sophie ist zart, zerbrechlich - keine Spur von Fett: »Warum fühle ich mich nicht wohl in meinem Körper? Wieso muss ich erst all die Knochen sehen und fühlen, um stolz sein und ihn akzeptieren zu können?« Bettina schildert es so: »Ich passte mich bis zur Selbstaufgabe an meine Freundinnen an. In meinen Augen waren sie alle dünner und schöner als ich.«
Den Übergang zur Krankheit schildern alle ähnlich: »Ich habe immer weiter und weiter abgenommen. Schließlich konnte ich nicht mehr aufhören. Das Hungern ist zur Sucht geworden.« Eine »Ehemalige« berichtet :«Ich leckte aus Angst vor Kalorien nicht einmal mehr eine Briefmarke ab.« Andere spucken die eigene Spucke wieder aus. Viele schlucken Abführmittel.
Mit der Methode »immer weniger essen, übermäßig viel Sport treiben« nahm Anna in fünf Monaten 20 kg ab: »Ich merkte, wie mein Körper immer schwächer wurde, doch das war kein Grund aufzuhören.« Laura erinnert sich: »Als ich mein Wunschgewicht erreicht hatte, wollte ich aufhören, aber ich konnte nicht mehr. Ich hatte Angst vor dem Essen. Ich war schwach, klappte ständig zusammen und ich war allein, hatte nur noch meine Mutter, von meinen Freunden hatte ich mich isoliert. Der innere Druck, in der Schule nur noch Einsen zu schreiben, machte mich wahnsinnig.« Tamara schildert ihren Zusammenbruch: »Ich konnte nicht mehr gehen, lernen, schlafen... und wurde schließlich als Notfall in die Kinderklinik München-Schwabing eingeliefert.« Ähnlich Alexandra: »Der Grund für meine Einlieferung war, dass ich zu Hause zusammengebrochen und bewusstlos war. Mir ging es hundsmiserabel. Ich hatte kaum noch Kraft.« Sie sind sich einig: es war eine unerträgliche Qual.
Beide kamen zunächst zum »Aufpäppeln« auf die sogenannte »Päppelstation«, um ein Minimum an lebensnotwendigem Gewicht zurückzugewinnen. In Extremfällen sind Infusionen oder sogar Zwangsernährung über eine Magensonde erforderlich.
Auch Laura, Anna, Sophie und Julia merkten irgendwann, »dass es so nicht weiterging.« In Sophies Tagebuch sind Strichgestalten gezeichnet und kommentiert: »Höher, länger, weiter, schlanker, größer, dürrer... - bis es nicht mehr geht! Doch warum muss man erst dorthin, um das zu kapieren?« Ihre Verzweiflung vertraut sie dem Tagebuch an:
»Mein Gott, ich habe mich verloren.
Ich sehe nicht mehr, wozu ich durchhalten soll.
Ich sehe kein Ziel und keinen Sinn.
Es fehlt nichts, wenn ich fehle...«
Auf einen Therapieplatz muss man in der Regel ein bis zwei Monate warten, oft auch länger. Der Andrang ist groß und nur 8 Plätze stehen zur Verfügung. Die Hoffnung, es alleine zu schaffen, erweist sich bei fast allen jugendlichen Patienten als vergeblich. Auch eine ambulante Therapie zu Hause, selbst unter Begleitung eines Psychologen, überfordert viele und macht nur im Anfangsstadium Sinn, sofern der Betroffene die nötige Einsicht hat. Auch für die stationäre Therapie im Krankenhaus ist Bedingung, dass der Patient dazu bereit ist und sich helfen lassen will.
Ziel der Therapie ist es, die Hintergründe für die Essstörung zu verstehen, Wege zur Konfliktlösung zu erlernen und ein Selbstwertgefühl wiederherzustellen: »Aus hungern als Protest gegen ein als sinnlos empfundenes Leben muss Hunger nach Leben werden.« (Tina). Wieder essen zu lernen, mit Genuss und Freude, ohne Schuldgefühle, ist für die meisten ein Schritt, der innerhalb einer Gruppe von Betroffenen leichter zu bewältigen ist. Laura: »Ich fühlte mich von Anfang an sehr wohl unter den anderen essgestörten Mädchen«, auch wenn es zunächst oft schwer fällt, »sich in die Gruppe einzubringen« (Alexandra) und über die eigene Situation zu reden. »Aber im Laufe der Zeit wird alles viel entspannter. Man traut sich, mehr zu sagen, vor allem: man ist nicht mehr so einsam.« Viele haben zunächst eine panische Angst davor, »die Macht über den eigenen Körper« zu verlieren: »Anfangs habe ich gedacht, um Gottes willen, das kann ich meinem Körper nicht antun, diesen Machtentzug. Ich habe mir so vieles hart erarbeitet, so viel geschafft und jetzt soll das ganze Gewicht wieder drauf?« (Alexandra)
Die ersten Schritte sind für die meisten schwierig. Zum »Aufpäppeln« wird das Essen durch hochkalorische Getränke ersetzt: »Ich hatte und habe manchmal noch immer große Angst davor, dass ich zu schnell zunehme, dass ich dick und fett werde.« (Alexandra) Das Essen verursacht zunächst Angst, Scham und Schuldgefühle. In den meisten Fällen sind die Betroffenen am Anfang von starken Bauchschmerzen geplagt, da sich der Magen erst wieder an die größeren Mengen gewöhnen muss. Oft muss man zunächst mehr Kalorien zu sich nehmen, da der Körper sehr unterversorgt ist. Laura: »Langsam, Schritt für Schritt, nahm ich zu und merkte bei jedem Kilo, wie meine Kraft und Lebensfreude zunahmen.« Auch Julia registriert erste Erfolgserlebnisse. Als Erfolg wertet sie »(...), dass ich wieder Spaß mit anderen haben kann und nicht mehr traurig und in mich zurückgezogen bin.«
Die Therapie umfasst Einzeltherapie; Gruppentherapie ( »da sitzt die ganze Gruppe mit den Therapeuten zusammen und spricht über Sorgen und Probleme«); kreatives Gestalten; Rollenspiel ( »da spielen wir alle irgendwelche Situationen des Alltags durch, um Probleme besser zu veranschaulichen«); Peergroups ( »da sprechen wir über unser Essverhalten und versuchen unsere inneren Werte neu zu entdecken«); Körperwahrnehmung ( »da meditieren wir, massieren uns gegenseitig oder machen Yoga, um unseren Körper besser wahrnehmen zu können«); Krankengymnastik. Auch die Familie wird einbezogen: Alle zwei Wochen findet Familientherapie statt. Ein Muss: das häufige Wiegen, um Fortschritte und Rückfälle bewusst zu machen.
Auch Schule steht auf dem Programm. Ab 8 Uhr sind zwei bis drei Schulstunden in der Staatlichen Schule für Kranke eingeplant. Hier, wie in anderen Kliniken in München, erhalten erkrankte Schüler Unterricht in den Kernfächern und persönliche Beratung und Hilfestellung bei schulischen Problemen.
Die Zeit nach einem Klinikaufenthalt ist die wahrscheinlich schwerste, wie so manche Betroffene feststellen muss. Laura und Sophie haben es erlebt: »Ich dachte immer, wenn ich ein 'normales' Gewicht erreicht hätte, sei alles o.k.. Doch das klappte nicht, wie ich mir das vorstellte.« (Laura). Trotz ambulanter Nachsorge in Form von Gruppen- und Familientherapie begann der alte Teufelskreis wieder. Beide sind froh, dass sie sich ein zweites Mal für eine Therapie entschieden haben: »Jetzt kann ich wieder leben und auch alles essen was ich will. Ich rede jetzt viel über meine Probleme und verstehe mittlerweile auch, warum ich so weit gegangen bin. Ich wiege jetzt über 47 Kilo und habe wieder Spaß am Leben. In der Therapie habe ich viel über mich und das Leben gelernt und kapiert, dass hungern keine Lösung ist.« Für sie und Sophie ist der Zeitpunkt gekommen, Abschied zu nehmen von diesem prägenden Lebensabschnitt. Sophie steht kurz vor der Entlassung. Beim Abschied fließen meist Tränen, denn die gemeinsame Zeit verbindet. Sie ist sich sicher, »dass es diesmal ein Abschied für immer ist; deshalb wird er auch schwerer fallen, weil ich mich mit allem so intensiv auseinandergesetzt habe.« Sie ist dankbar für »all die tollen Menschen, die mir geholfen und mich unterstützt haben.« Der letzte Satz in ihrem Tagebuch lautet: » . . . und jetzt habe ich es geschafft!!!«
Verfasser : Alexandra, Anna, Bettina, Julia, Laura, Sophie, Tamara, Tina
Die Namen wurden geändert. Sie sind der Schule / der Redaktion bekannt.