Jedes Jahr werden im Haunerschen Kinderspital viele Kinder nach traumatischen Erfahrungen, wie Unfällen, Operation, Intensivbehandlung, aber auch nach Missbrauch, Misshandlung und schwerwiegender Deprivation aufgenommen, diagnostiziert und auch behandelt.
Diese Kinder leiden oft unter erheblichen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dies ist dadurch gekennzeichnet, dass die Kinder oft Angstzustände, Albträume und körperliche psychogene Beschwerden haben, die aber nicht durch organische Ursachen erklärt werden können. Durch die traumatischen Erfahrungen sind in der Regel auch die kognitiven Funktionen beeinträchtigt, so dass die Kinder auch in ihren schulischen Leistungen Schwierigkeiten haben, teilweise aufgrund von Ängsten den Schulbesuch ganz verweigern.
Die körperliche Abklärung und Untersuchung dieser Kinder, die psychologische Testung sowie die Abklärung der Ursachen in psychosozialen Gesprächen mit den Eltern, teilweise auch dem Jugendamt sowie mit Kindergärtnerinnen, Erziehern und Lehrern ist hier von wesentlicher Bedeutung. Ohne die Vernetzung aller psychosozialen Helfer, die an der Klärung und Entscheidungsfindung im Sinne des Wohles des Kindes beteiligt sind, kann eine weitere therapeutische und pädagogische Förderung des Kindes in der Regel nicht gelingen.
Die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer in der Schule für Kranke im Dr. von Haunerschen Kinderspital nimmt hier einen wesentlichen Teil der Diagnostik und Förderung ein.
Die Kinder auf der Kinderpsychsomatischen Station werden in einer festen Gruppe durch eine Lehrkraft mit zusätzlichen Fachlehrern während der Vormittagsstunden unterrichtet. Beobachtungen der Lehrerin während der Schulzeit sind ein wichtiger diagnostischer Bestandteil. Aus diesem Grunde nimmt die Lehrerin auch an allen Teambesprechungen und der Team- und Fallsupervision teil. Hier kann sie ihre Beobachtungen mit einbringen, gleichzeitig sich aber auch mit den übrigen Teammitgliedern, Krankenschwestern, Therapeuten und nonverbalen Therapeuten (Kunst- und Musiktherapeuten) vernetzen. Sie erhält umgekehrt auch wesentliche Informationen über das Kind und die Familie und den aktuellen Behandlungsstand und besonders heikle und schwierige Konfliktpunkte. Diese kann sie dann in der täglichen Arbeit mit dem Kind wiederum berücksichtigen, da sie dessen Tagesverfassung im Gesamtkontext der Behandlung besser verstehen und damit auch gezielt auf die emotionale Befindlichkeit des Kindes eingehen kann. Insofern hat die pädagogische Arbeit immer auch gleichzeitig eine psychosoziale und therapeutische Funktion, so dass bei optimaler Vernetzung, Information und gemeinsamer Therapieplanung durch alle beteiligten Helfer für das Kind ein wirkliches Netz und ein neuer sicherer emotionaler Boden entstehen kann, auf dem psychische Stabilisierung, Reifung und Weiterentwicklung möglich wird. Sobald das Kind im emotionalen Bereich sich stabilisiert, wirkt sich dies unmittelbar auch auf seine kognitiven Funktionen im Schulunterricht aus. Andererseits können gezielt dosierte kognitive Strukturierungen und Anforderungen ebenso zur psychischen Stabilisierung beitragen und dem Kind erstmals vielleicht neue positive Selbstwerterfahrungen vermitteln. Diese wirken sich dann ebenfalls auf die emotionale Gesundung und die Entwicklung eines realistischen Selbstwertgefühls in bezug auf Leistung und Leistungsfähigkeit aus. Die Schule wiederum steht in engem Kontakt mit der Heimatschule des Kindes. Durch den Austausch und die Absprache mit der Heimatlehrerin über den Lernstoff, die Durchführung von Klassenarbeiten entsprechend den Anforderungen der Heimatschule können die Kinder in der Regel Schulstoff aufholen. Dies ermöglicht es, die Kinder teilweise noch während der stationären Behandlung am Unterricht der Heimatschule teilnehmen zu lassen, während sie noch nachmittags an den Therapiemöglichkeiten der stationären Behandlung teilhaben. Manchmal müssen aber auch neue Schulformen und Umschulungen überlegt und mit den Eltern und dem gesamten Team geplant und besprochen werden. Wenn es möglich ist, wird ein Schulwechsel und ein neuer Schulbesuch während der stationären Behandlung vorbereitet und auch durch Probeunterricht getestet. Eine vorsichtige Anbahnung und auch emotionale Unterstützung des Kindes für diesen neuen Schulbesuch kann ein fester Bestandteil der Therapie sein.
Auf diese Weise wirken sowohl Pädagogik, Psychotherapie und Psychologie als auch die Medizin in der stationären psychosomatischen Behandlung traumatisierter Kinder im Dr. von Haunerschen Kinderspital eng vernetzt zusammen.
Dr. med. Karl Heinz Brisch
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie,
Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalyse, Analytische Gruppenpsychotherapie
Dr. Brisch leitet die Abteilung Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie an der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Dozent sowie Lehr- und Kontrollanalytiker am Psychoanalytischen Institut "Stuttgarter Gruppe".
Sein Forschungsschwerpunkt umfasst den Bereich der frühkindlichen Entwicklung zu Fragestellungen der Entstehung von Bindungsprozessen und ihren Störungen.
Er publizierte zur Bindungsentwicklung von Risikokindern sowie zur klinischen Bindungsforschung und verfasste eine Monographie zur Anwendung der Bindungstheorie in der psychotherapeutischen Behandlung von Bindungsstörungen.
Literatur:
Brisch, K. H. (1999): Bindungsstörungen. Von der Bindungstheorie zur Therapie.
Klett-Cotta, Stuttgart, 5. Auflage 2003
Brisch, K.H., Grossmann, K. E., Grossmann, K., Köhler, L. (2002):
Bindung und seelische Entwicklungswege. Grundlagen, Prävention und klinische Praxis.
Klett-Cotta, Stuttgart
Brisch, K. H. (2002): Treating Attachment Disorders. From Theory to Therapy.
Guilford Press, New York, London
Brisch, K. H. & Hellbrügge, Th. (2003): Bindung und Trauma. Klett-Cotta, Stuttgart