Lehrer auf einer Kinderintensivstation? Früher habe auch ich mich öfter gefragt, was sie hier eigentlich suchen, zwischen beschäftigten Schwestern und Ärzten, Überwachungsmonitoren, Beatmungsgeräten und Infusionspumpen. Die Antwort ist einfach: „ihre“ Schüler natürlich! Zum Beispiel ein Kind an der Dialyse oder nach Nierentransplantation, ein krebskrankes Kind nach einer akuten Komplikation, einen Jugendlichen nach Suizidversuch wegen Schulproblemen. Diese Situationen sind nicht alltäglich, aber mittlerweile selbstverständlich und exemplarisch für die weitreichenden Aufgaben und selbstgesetzten Ziele „unserer“ Lehrerinnen der Staatlichen Schule für Kranke.
Die Anforderungen an eine Kinderklinik heute haben sich in den letzten Jahren stark verändert und reichen weit über die Behandlung der somatischen Beschwerden eines Patienten hinaus. Krankheiten im Kindesalter betreffen nicht nur ein Individuum, sondern auch dessen Familie und das erweiterte soziale Umfeld, besonders wenn diese schwer oder chronisch verlaufen. Oft enden sie auch nicht mit der Entlassung aus der Klinik, sondern haben weitreichende Auswirkungen auf das weitere Leben, z.B. auf die soziale und schulische Reintegration, und sie müssen psychisch und emotional verarbeitet werden. Nicht immer führt der Weg zurück in die Normalität. Man denke nur an ein Unfallopfer mit einer bleibenden Behinderung. Dieses Krankheitsverständnis erfordert die Betreuung der beschriebenen Patienten - und vieler anderer - durch ein multiprofessionelles Team. Die Schule für Kranke spielt hierbei eine wichtige Rolle.
„Auch kranke Kinder haben ein Recht auf Unterricht“. Mit diesen Worten werden wir Ärzte gelegentlich an unsere Verpflichtung erinnert, unsere länger liegenden Patienten für die Schule im Krankenhaus anzumelden. Das primäre Ziel der Lehrer ist es , die krankheitsbedingten Unterrichtsversäumnisse so gut wie möglich aufzufangen und den Klassenerhalt zu sichern. Mit Engagement, Selbstbewusstsein und Empathie für ihre kranken Schüler haben sie auf unseren Stationen für diese Arbeit eine breite Akzeptanz geschaffen. Dies ist unter anderem an einer steigenden Bereitschaft von Schwestern und Ärzten zu erkennen, bei der Tagesplanung der medizinischen Abläufe auch die Unterrichtszeiten zu berücksichtigen.
Noch mehr können wir zum Wohl unserer Patienten erreichen, wenn Medizin und Pädagogik sich nicht nur gegenseitig tolerieren, sondern eine möglichst aktive Zusammenarbeit suchen. Zum Beispiel können die Einschätzungen schulischer Leistungen und Eignungen durch die Lehrer wichtige Beiträge in der Diagnostik psychosomatische Krankheitsbilder bedeuten, die bei Kindern und Jugendlichen ständig zunehmen und häufig Schulschwierigkeiten als Hintergrund haben. Nach einer schwer verlaufenen oder einer neu manifestierten chronischen Erkrankung leisten die Lehrer im Kontakt mit den Ärzten und der Heimatschule oft wichtige Hilfestellungen für die weitere Schullaufbahn. Umgekehrt artikulieren die Schulen einen großen Beratungsbedarf über den richtigen Umgang mit chronisch kranken Kindern in ihren Klassen. Ein gemeinsamer Schulbesuch von Krankenhauslehrern und Kinderärzten in der Klasse eines Kindes mit Asthma, Diabetes mellitus oder Epilepsie, aber auch mit bösartigen Erkrankungen, kann Klassenlehrern und Mitschülern helfen, Berührungsängste und Verunsicherungen abzubauen und eine rücksichtsvolle Integration anzustreben. In vielen Fällen kann so ein weitgehend normales Schulleben ermöglicht werden.
Die Stärke der Zusammenarbeit von Lehrern und medizinischem Personal wird in der Kinderonkologie besonders deutlich. Durch ihren engen Kontakt zu den kranken Kindern auf einer nicht medizinischen Ebene einerseits und ihrer festen Integration in das Team der Station andererseits entsteht hier durch die Lehrer eine weitere Beziehungsachse zwischen der Familie und dem Krankenhaus. Dank dieser Beziehung verfügen sie oft über gute Eindrücke über die psychische und emotionale Verfassung der Patienten und manche Hintergrundinformation über die familiäre Situation, die anderweitig nicht geäußert wird. Daher sind sie in den regelmäßigen Teambesprechungen der Station, aber auch bei internen Beratungen, wie z.B. in medizinisch-ethischen Grenzsituationen, wertvolle Teilnehmer, und sie sind außerdem häufig bei den Gesprächen der Ärzte mit den Familien anwesend. Auf diese Weise begleiten die Lehrer unsere Patienten in vielerlei Hinsicht, die weit über den Unterricht am Krankenbett hinaus geht.
Die Aktivitäten der Schule für Kranke werden von den Familien im höchsten Maße honoriert und nach meiner Überzeugung zunehmend als Qualitätsmerkmal einer modernen Kinderklinik angesehen. Auch die große Mehrheit unserer medizinischen Mitarbeiter betrachtet die Begegnung mit den Lehrern heute als eine Bereicherung. Ich wünsche der Schule für Kranke auch in Schulkreisen die Anerkennung, die sie verdient und freue mich auf die fortgesetzte Zusammenarbeit.
PD Dr. med. Jochen Peters
Ehemaliger komm. Direktor Kinderklinik München-Schwabing
Chefarzt der Kinderklinik Dritter Orden
Menzinger Straße 44
80638 München