STAATLICHE SCHULE FÜR KRANKE MÜNCHEN

Besondere Ereignisse

Kolloquium
Schule für Kranke zwischen gestern und morgen

Grußwort von
Ministerialdirigent Dr. Helmut Wittmann,

Aus Anlass der Verabschiedung von
Frau Ursula Gantenberg

Liebe Frau Gantenberg,
lieber Detlef, ich darf das so sagen, weil wir uns seit 1976 kennen,

sehr geehrte Kollegen und Kolleginnen von der Regierung, vom Schulamt und vor allem der Schule für Kranke, sehr geehrter Herr Dr. Grübl, Herr Dr. Peters, meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn ich das von der Rechercheabteilung des Bayerischen Kultusministeriums richtig vernommen habe, dann hat sich die Gründung der Schule für Kranke, auf den Mikrokosmos Familie Gantenberg bezogen, etwa so abgespielt:

Frau Gantenberg war mit Ihren Söhnen, heute längst Erwachsende, damals Kinder, auf Urlaub an der Nordsee. Da kam der Anruf Ihres Mannes. »… ich glaube Du musst zurückkommen, das Schulamt hat wiederholt angerufen…« Als Lehrer, mir aus der damaligen Zeit noch sehr wohl bekannt, wird man natürlich höchst unruhig wenn das Schulamt im Urlaub anruft, denn Sie waren im Erziehungsurlaub und Sie wollten diesen gern ein bisschen verlängern. Sie hatten zu dieser Zeit, wie schon von Frau Weiß-Söllner angesprochen, Auftrag an der Stiftungsfachhochschule und Sie kehrten natürlich sofort nach München zurück.

Dort wurde Ihnen eröffnet, sie sollen die Schule für Kranke aufbauen. Auf die Frage, wie viel Bedenkzeit bestünde, antwortete die zuständige Schulrätin »…eine Stunde…« Und es war auch noch ein verklausulierter Hinweis damit verbunden, was geschehen sollte, wenn Sie sich nicht so entscheiden würde. Frau Gantenberg hat sich für diesen Auftrag entschieden. Als sie sich dann beim medizinischen Direktor des Schwabinger Krankenhauses vorstellte, war die erste Frage: »Haben Ihre Söhne schon wieder Krupphusten?« Und die Antwort war »…nein, ich darf oder muss eine Schule aufmachen…«

Ich stelle diesen Anfangspunkt auch an den Anfang dieses Bogens, den ich versuche in Kürze aufzuzeigen. Denn wenn man sich nach so einer langen Zeit von so einer großen Aufgabe verabschiedet, mit diesem Engagement das ich bei Ihnen immer gesehen habe, dann scheidet man wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge von dieser Aufgabe. Einerseits, da bin ich mir ganz sicher, erinnern Sie sich mit Freude an viele Entwicklungen in der Sozialpädagogik, die Sie mitgestalten, initiieren, mitbestimmen konnten. Andererseits verspüren Sie wahrscheinlich auch ein bisschen was von Wehmut, nun nicht mehr an der Spitze Ihrer Schule stehen zu können, denn wir wissen, es war stets Ihr größtes Ziel, den kranken Kindern und Jugendlichen in dieser Schule eine Heimat zu geben und in diesem Geist haben Sie als Schulleiterin in den letzten 25 Jahren die Entwicklung und den Weg dieser Einrichtung entscheidend geprägt, gestaltet, von der kleinen Schule für Kranke in München bis hin zur jetzigen Schule, die sich um den Unterricht und die Förderung kranker Schüler und Schülerinnen in 12 Kliniken kümmert.

Eine Schulgemeinschaft kann sich in einer solchen Weitenstreuung nur schwer entwickeln. Es ist der Geist des Miteinanders, der gegenseitigen Wertschätzung und Unterstützung, der hier Gemeinschaft in einem anderen Sinne als in üblichen Schulen entstehen lassen. Und der freundliche Umgang zwischen Schulleitung, Lehrkräften, Schülern und Eltern fällt an Ihrer Schule besonders auf, nicht zuletzt ist dies auch Ihr Verdienst. Es ist im engagierten und professionellen Handeln und ich sage auch bewusst Vordenken von Frau Gantenberg zu verdanken, dass sich in Bayern und darüber hinaus die Krankenhauspädagogik entwickelt hat und ihresgleichen sucht.
Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Baden-Württemberg sind die süddeutschen Länder Vorreiter der grundlegenden Entwicklung der KMK-Empfehlungen im Hinblick auf die Schule für Kranke.

Deswegen freue ich mich besonders einen Kollegen aus Baden-Württemberg begrüßen zu dürfen. Und ich erinnere mich noch gut an die Zeit und die einschlägigen Gespräche und ich darf auch sagen »Geburtswehen«.

Vor einem runden Vierteljahrhundert saß der Stammvater dieser Idee im benachbarten Dienstzimmer von mir, nämlich der Herr Brandl, Ministerialrat im Ruhestand, deswegen möchte ich seinen Namen auch bewusst erwähnen. In Ihrem sehr ansprechenden Flyer der Schule findet sich das Bild eines bereits verstorbenen krebskranken Schülers mit 8 Jahren und dieser Benjamin drückt etwas aus, dass mich sehr bewegt hat. Er sagt »…Schule ist die Schnur zum Leben…«

Mit diesem Motto, meine ich, sind vor allem Kinder und Jugendliche in den Krankenhäusern schulisch zu betreuen. Diese hervorragende Aufgabe, der sich die Schule für Kranke seit über zwei Jahrzehnten mit großem Engagement widmet, verdient höchste Anerkennung. Sie sehen in der schulischen Förderung und Begleitung von Schülerinnen und Schülern, die aufgrund einer Erkrankung längere Zeit oder in regelmäßigen Abständen im Krankenhaus stationär oder teilstationär behandelt werden und die deswegen länger die Schule nicht besuchen können, eine sehr bedeutsame pädagogische und ich meine auch humane Aufgabe. Der Unterricht ist trotz Krankheit auf ein Lernen mit Erfolg und Freude ausgerichtet, das ist vorher auch schon deutlich dargestellt worden und soll die Erhaltung schulischer Leistungsbereitschaft ermöglichen.

Frau Gantenberg, es ist vor allem auch Ihr Verdienst, dass sich die Schulen für Kranke in Bayern als Kompetenz- und Beratungszentrum entwickelt haben, die sich für Kinder und Jugendliche in deren extremen Lebenssituationen öffnen und die nicht nur die Schnur zum Leben aufrechterhalten, sondern diese Schnur zum Leben in Zusammenarbeit mit der Kollegenschaft der Medizin weiterentwickeln, stets auch im Zusammenwirken mit den Eltern. Wer sich jemals in dieser Aura, in dieser Atmosphäre schulischer und medizinischer Arbeit aufgehalten hat der weiß, welches Maß an persönlicher Kraft, welche Kompetenz von sonderpädagogischer Professionalität dazugehören, um dem jeweils individuellen Lebensschicksal ermutigend, helfend, unterstützend zur Seite zu stehen.

Dafür darf ich Ihnen, sehr verehrte Frau Gantenberg, den Kolleginnen und Kollegen, aber auch denen, die in dieser Schule ihren qualifizierten Dienst am Kind und dem Jugendlichen mit größtem Engagement verrichten, im Auftrag des Ministeriums ganz herzlich danken. Eine Episode habe ich an den Anfang gestellt, eine zweite darf ich fast an den Schluss stellen.

In einem Gespräch, viele Jahre später, die Schule war bereits am laufen, bei dem es auch um die Probleme der Schule für Kranke ging, kam die Aussage der Gesprächspartnerin :
»…aber Frau Gantenberg, das ist doch gar keine richtige Schule…«
Frau Gantenberg antwortete »…wieso denn nicht…?«
»Sie haben ja nicht einmal ein Schulhaus.«

Diese Aussage möchte ich aufgreifen und sagen - und was für eines. Und nicht nur ein Schulhaus, viele Schulhäuser. Damit danke ich auch herzlich den Chefs und den medizinischen Teams in den Kliniken, mit denen wir im Rahmen der Schule für Kranke schon so lange und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Den Dank habe ich ausgesprochen. Den Wunsch, den möchte ich noch anfügen. Ich wünsche Ihnen die Zeit und Muse, die bisher vielleicht etwas gefehlt hat in der Umsetzung Ihrer ganz persönlichen Wünsche. Aber zunächst, und damit greife ich wieder auf meine Ausgangsepisode zurück, das Sie den Urlaub, den Sie damals verkürzt haben, bald möglichst nachholen können.

Ministerialdirigent Dr. Helmut Wittmann,
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

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