Meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Frau Gantenberg,
Herr Gantenberg - und um mit Einstein zu sprechen - liebe Abwesende,
die Abwesenden, die ich meine, sind die Kinder und Jugendlichen, die Schüler der Schule für Kranke München, die ich jetzt namentlich nicht aufzählen kann, aber ich weiß, dass fünf Schüler anwesend sind.
Ich begrüße Jana, Nina, Anna, Marina und Lines. Für die Abwesenheit der anderen gibt es klare und dokumentierte Existenz und manchmal auch eine Existenz, die wesentlich mit der Geschichte unserer Schule verbunden ist, z. B. Iwan, Anna, Marga, Alena, Kinder und Jugendliche, die uns lange beschäftigt haben, die unseren Rahmen sprengten, die wir als Lehrer begleiten durften und durch die wir als Lehrer dabei lernen konnten was es heißt, ein Leben mit Krankheit zu leben.
Schwere oder lang andauernde Krankheiten gliedert den Menschen aus dem System einer ideal gedachten Gesundheit aus. Die Forderungen und Erwartungen an das medizinische System wachsen ins unermessliche und können oft nicht erfüllt werden. Oftmals führt eine Erkrankung, ein Unfall oder die Zeit vor dem Tod zu Lebenskrisen. Und was ist mit unserem Verständnis von Gesundheit? Ich lade Sie ein – fragen Sie sich selbst oder einmal kurz Ihren Nachbarn – was er von Gesundheit weiß.
Wahrscheinlich glauben viele von Ihnen, dass sie zur Zeit gesund sind, doch jeder von uns weiß, wie schnell sich das ändern kann. Sind wir, die wir hier sind, die anderen, die noch Verschonten?
Das, was wir eben von der Weltgesundheitsorganisation gehört haben, was sie definiert – Gesundheit ist ein Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen. Diese ideale Vorstellung muss im Laufe des Leben scheitern, denn eine so moderne Gesundheitskultur, wie wir sie haben, produziert nämlich genau das was sie überwinden will, nämlich die Angst vor Krankheit, weil das Gesundsein oft über das Menschsein gestellt wird. Jürgen Moldmann formuliert: „Gesundheit bezeichnet den Prozess der Anpassung, die Fähigkeit, sich auf wechselndes Neues einzustellen, z. B. älter zu werden, zu gesunden, zu leiden, vielleicht den Tod zu erwarten.“
Gesundheit ist sozusagen die Kraft, das ganze Leben anzunehmen, denn das Leben vollzieht sich in einem Spagat von Freude und Leid, Verzweiflung und Hoffnung, Schmerz und Schmerzlosigkeit, Leben und Tod. Es gehört nicht einfach dazu oder ist das andere Ende der Fahnenstange, sondern es gehört zusammen.
Liebe Frau Gantenberg, in einem Gespräch vor einiger Zeit sagten Sie:
„…es ist nicht leicht krank zu sein, aber es ist auch schwer gesund zu werden…“
Welche pädagogische Folgerung ziehen wir daraus? Der Förderort Schule für Kranke hat die Aufgabe, Gesundheit nicht nur als Unterrichtsthema, sondern als eine Tätigkeit, nämlich gesunden, und als immanentes Konzept von Saluto Genese zu integrieren. Unsere Schule hat das Glück, dort wo Unterricht geschieht, den Lernort der gleichzeitig der Lebensort des Kindes ist, wenigstens für eine gewisse Zeit, und wenn in dieser Zeit pädagogische Verantwortung für das Kind übernommen wird, dann fließen Unterricht und Erziehung zusammen. Lebensbekleidung reiht die reale Gegenwart, jetzt im Krankenhaus, an die vergangene Zeit vor der Erkrankung und Lebensbekleidung schließt die Vorbereitung auf den neuen Lebensabschnitt mit ein.
Die Lebensbiografie des erkrankten Kindes soll weitergeschrieben werden und wir versuchen in der Schule mit unserem Spüren für neue Spuren zu sorgen. Und was bedeutet das?
Fragen wir die Abwesenden. Was bedeutet für die Kinder Gesundheit?
Zähne putzen, Hände waschen, aber auch Aktivität, den Alltag zu schaffen, Freunde zu treffen. Gesundheit macht sich also fest an den Bereichen Ernährung, Kleidung, Bewegung, Natur und Umwelt, und auch der menschlichen Umgebung. Gesundheit beeinflusst die Kinder in den physischen Funktionen des Körpers, der psychischen Befindlichkeit und in ihren geistigen Reaktionen.
Gesundheit wie Krankheit sind nicht Gegensätze, sondern verschiedene Zustände eines Lebensprozesses und wie oft ist Gesundheit als ein subjektives Gefühl eines Menschen, das wechselnden Einflüssen und verschiedenen Wertvorstellungen unterworfen ist, ist unabhängig von dem, was der medizinische Befund sagt.
Gesund heißt, mit Krankheit umgehen zu können und diese Definition eröffnet und neue pädagogische Dimensionen, die wir für die Kinder finden wollen. Bei Heinrich Roth fand ich eine passende Erziehungseinstellung zu Pädagogik bei Krankheit. Er sagt: „Um sich auf etwas gemeinsames, neues einlassen zu können, z.B. Schule, braucht man überschüssige Energie.“ Und was können wir mit dem kranken Kind tun, bevor dieser Zustand eintritt? Wir warten. Kontakt beginnt nicht unbedingt gleich mit Tun, sondern mit Zeigen. Und wenn Sie einmal erlebt haben, wenn ein Kind nach einem posttraumatischen Erlebnis nach Wochen oder Monaten sein erstes Interesse zeigt, so nennt Roth dieses Erleben den Lebenswillen des Kindes. Denn nicht nur das pädagogische Tun ist der Inhalt des Lernens und Lebens, sondern auch des Erlebens. Das Kind bekommt wieder Zugang zu sich selber. Sein Inneres beginnt zu leben und es beginnt sich zu öffnen. Und nach einer Phase des Interesses beginnt das Kind sich auszudrücken.
Ich meine nicht nur das Verbale, sondern das Verstehen, was das Kind mit seinem Willen, seiner Haltung ausdrücken kann. Ich will oder ich will nicht. Und es bleibt den Pädagogen überlassen, den Willen des Kindes auszukundschaften, vielleicht mit Hilfe der Eltern, den Geschwistern oder auch den klinischen Mitarbeitern und die passenden Lernwege, die geeignete Methode oder auch den kreativen Inhalt zu finden, der dem Kind in dieser Phase gut tut. Und die Lebenserweiterung kann dann mit dem inhaltlichen Gestalten, mit den Unterrichtsstoffen, mit den Arbeitsblättern, mit den gesundheitlichen Themen, mit den Aufgaben des Lebensalltags folgen. Und so erlebe ich die Lebensluft mit dem Lebenswillen gepaart, angereichert durch die Lebenserweiterung, den Unterricht im Bett oder im Schulzimmer, also eine gesunde Schule. Zur gesunden Entwicklung braucht es vor allem zuverlässige, zugewandte mitmenschliche Beziehungen in verlässlichen Räumen. Irgendeiner soll oder muss das Schicksal hören oder an ihm verstehen. Das eigensinnige als wertvolle Ich –Aussage anerkennen. Und dann entwickelt sich gemeinsamer Raum, meist ohne Absicht. Spielraum, Freiraum. Und aus diesem situativen Verstehen folgt ein situatives Handeln. Durch richtiges Fragen kann ich vielleicht auch Raum schaffen für die Antworten, die das Kind in seinen vergeblichen Suchbewegungen zu finden hoffte.
Chancen, in der Krise durch den eröffneten Kundendialog die Selbstkräfte des Kindes wieder aufs neue zu wecken, um sich wieder auf sich und seinen Körper verlassen zu können. Und die neue Leistung dann kommt durch Wollen, durch Können und durch Dürfen, wenn es die körperliche Kraft gestattet. Was sind solche gesundheitsfördernden Aktivitäten?
Selbst bestimmen, ja oder nein zu sagen. Fragen zu dürfen, fragen zu können. Rätsel zu lösen. Mehr Freizeit in der Schule. Teilnehmen oder sich zurücknehmen. Selbständig arbeiten. Gruppenaktivitäten fördern, die diese lebendige, komplexe Struktur des Normalen wieder abbilden. Ziele gemeinsam abwägen und stellen. Fehler machen als eine gesundheitsfördernde Aktivität. Erfahrungen machen und Neugier auf Leben wecken. Wieder soziale Kompetenz entwickeln. Gefühle äußern, Humor nicht vergessen.
Seit 1 ½ Jahren beschäftigt sich eine Gruppe von Kollegen mit dem Komedius-Projekt. Integration kranker Kinder und Jugendlicher in Schule, Familie und Gesellschaft, unterstützt durch Eltern aus Brüssel. Und in Kooperation mit den Klinikschulen in Bratislava etc. haben wir uns auf einen Weg gemacht, der uns helfen soll, unseren Schülern und Kollegen gute und sinnvolle Hilfe mitzugeben, damit sie an einem alten oder auch einem neuen Schulplatz ihre Schullaufbahn weiterführen oder auch beenden können. Der Integrationsprozess des kranken Gesunden oder des gesunden Kranken in die Stammklasse oder in die Heimatschule braucht eine lange Zeit. Die Integrationsbereitschaft der Klasse, der Mitschüler bedeutet, dass alle Beteiligten sich auf etwas Neues wagen. Der chronisch kranke Schüler oder die chronisch kranke Schülerin, die eine lange Zeit in der Pflege verbracht haben, haben sich weiterentwickelt und wahrscheinlich auch verändert. Es kommt also nicht derselbe Mitschüler zurück, der vor einiger Zeit die Schule verlassen musste. Und auch die Klasse ist nicht die gleiche geblieben. Freundschaften haben gewechselt, die Lehrer sind vielleicht andere, oftmals haben sich auch die Fächerkombinationen verändert.
Die persönliche Begegnung nach einer Zeit des Kontakts per Post, Fax oder Mail beginnt mit Vorsicht und auch Angst. Die Krankheit des anderen löst auch in der Klasse Gefühle aus. Angst vor Ansteckung. Und damit ist nicht immer die Krankheit gemeint, sondern das, was mit Krankheit verbunden ist. Und auch einige Erfahrungen bei sich selbst oder in der Familie und oft brauchen wir in der ersten Zeit die Mitarbeit und die Integration einer Lehrperson. Wenn die Klasse bereit ist kommt es darauf an, die Integrationsfähigkeit der Klasse zu untersuchen und zu schauen, wie sie von der sozialen Kompetenz abhängt und bedürfen oft einer kreativen, emotionalen Intelligenz. Das Institut für Sonderpädagogik hat den Namen gewechselt und nennt sich Abteilung zur Prävention…
Ich finde, das unsere Schule eine Schule zur Prävention ist, eine Schule zur Integration und zur Rehabilitation.
Und noch ein paar Aussagen der Abwesenden:
Was macht meine Klasse zur Zeit? Sie fragen nicht zuerst nach dem Unterrichtsstoff oder nach den Lehrern. Bleiben meine Freundschaften bestehen? Oder wer erweißt sich jetzt als mein Freund?
Und für mich persönlich ist unsere Schule eine Schule zur Ermutigung, zur Lebensermutigung.
Frau Gantenberg, wenn ich vorhin das Beispiel genommen habe als Sie sagten, es ist leicht krank zu sein, aber auch schwer gesund zu werden, so trifft jetzt für Ihre Situation vielleicht zu: Es war nicht immer leicht die Schule zu leiten, es wird schwer sein die Veränderungen anzunehmen, und dazu gehört ganz viel Mut.
Monika Weis, Schule für Kranke München
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