Liebe Ursula Gantenberg,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
dass bei der Verabschiedung einer Schulleiterin so viele Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern anwesend sind, ist außergewöhnlich; dass nach dem Fachvortrag von Herrn Polzer mit mir ein weiterer Redner aus Baden-Württemberg vor Ihnen steht, ist ebenfalls nicht selbstverständlich:
In Abwandlung eines Bibelzitats kann man feststellen:
Die Prophetin gilt sehr viel – im Nachbarland.
Das Attribut Prophetin – berufene Ruferin – so die exegetische Übersetzung – kennzeichnet Ursula Gantenberg vortrefflich. In Fachkreisen der Pädagogik bei Krankheit ist mir in den vergangenen Jahren niemand begegnet, bei dem sich Berufung und Leidenschaft mit der notwendigen Intellektualität und einem distinguierten, aber energischen Auftreten so harmonisch verbindet wie bei Ursula Gantenberg. Mit Recht hat sie im letzten Jahr die Verdienstmedaille „München leuchtet“ erhalten, womit erfreulicherweise ihre Anerkennung auch im eigenen Bundesland dokumentiert wird.
Meine schwierige Aufgabe, nach dem ausführlichen Fachvortrag von Herrn Polzer noch einmal aus pädagogischer Sicht das Profil der Schule für Kranke zu skizzieren, wird mir dadurch erleichtert, dass über die moderne und zukunftsfähige Schule für Kranke zu sprechen bedeutet, über die Schule für Kranke München und damit über die innovativen und zukunftsweisenden Impulse von Ursula Gantenberg und die hervorragende Leistung ihres Kollegiums zu sprechen. Mit der Festschrift zu ihrem 20-jährigen Bestehen legte die Schule im letzten Jahr eine brillante Fachpublikation vor, die derzeit im deutschsprachigen Raum ohne Beispiel ist. Sie markierte damit den Stand ihrer anspruchsvollen und erfolgreichen Schulentwicklung und liefert zugleich wertvolle Denkanstöße für eine Fachdiskussion.
Es ist das Verdienst von Ursula Gantenberg, die medizinischen Entwicklungen und Vorgaben wie verkürzte Liegezeiten, Ambulantisierung der therapeutischen Angebote frühzeitig kreativ aufgegriffen und mit ihrer moralischen Grundhaltung verknüpft zu haben, die sie immer wieder nach der Bedeutung von Krankheit für die psychische und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen fragen lässt; diese Frage mündet in die zentrale Überzeugung, die ich mit Ursula Gantenberg teile:
Unterricht, schulpädagogische Begleitung kranker Schülerinnen und Schüler und die Existenzberechtigung der Schulen für Kranke entscheiden sich nicht an zeitlichen Vorgaben der Dauer von Krankenhausaufenthalten, sondern an dem Nachweis und der Gewichtung ihrer sonderpädagogischen Aufgaben.
An diesem Punkt kann man, muss man in einigen Bundesländern zwangsläufig in Konflikt geraten mit Verordnungen und Verwaltungsvorschriften, wo immer noch das Oberflächenkriterium „längerer Krankenhausaufenthalt“ Priorität genießt. Eine aus baden-württembergischer Sicht katastrophale und unverantwortbare Fehleinschätzung.
Wo Berechtigungen für Förderung und Unterstützung errechnet und berechnet werden müssen nach Tagen oder Wochen von Klinikaufenthalten, kann sich keine Kultur der Fürsorge entwickeln. Wenn schon Schulen für Kranke auf einem so niedrigen Anspruchsniveau gehalten werden, kann man von den allgemeinen Schulen erst recht nicht erwarten, dass diese adäquat auf kranke Schülerinnen und Schüler eingehen werden.
Sich um die so genannten Kurzlieger oder ambulanten Patientinnen und Patienten zu kümmern, ist keine künstliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sondern eine originäre und begründbare Aufgabe der Schulen für Kranke. Die mir bekannten Begründungen stammen übrigens allesamt aus der Feder von Ursula Gantenberg. Gewiss wird an Schulen für Kranke das Unterrichten nicht mehr die zentrale und ausschließliche Bedeutung haben wie in den vergangenen 10 oder 20 Jahren.
Stattdessen gewinnen die Aufgaben der Schule für Kranke, als Kompetenz- und Beratungszentrum zu fungieren und eine Art Agentur für schulische Kontinuität bei Krankheit darzustellen, immer mehr Bedeutung. In die Beratung müssen übrigens auch die Schülerinnen und Schüler beruflicher Schulen einbezogen werden; hier hat sich in den vergangenen Jahren eine Art Zwei-Klassen-Pädagogik entwickelt, die die Berufsschüler/innen benachteiligt.
Ursula Gantenberg sprach schon lange von „zentralen Anlaufstellen“, lange bevor die moderne Begrifflichkeit - Kompetenz- und Beratungszentrum - dazu zur Verfügung stand.
(Man sieht daran, dass man klug und vorausschauend denken kann, ohne dass das entsprechende Vokabular entwickelt ist.)
Dies gilt auch für den so genannten Nachteilsausgleich, ein Instrument, mit dem wir in der Beratung der allgemeinen Schulen gute Bedingungen der Reintegration vorbereiten. Nach meiner Kenntnis spricht man im Zusammenhang von Schule und Krankheit erst seit ca. 5 Jahren von Nachteilsausgleich. Dass darunter mehr zu verstehen ist als einem kranken Kind ein bisschen mehr Zeit bei einer Klassenarbeit einzuräumen, hat Ursula Gantenberg schon vor Jahrzehnten deutlich gemacht, als sie davon sprach, „ sinnvolle Sonderregelungen für kranke Schülerinnen und Schüler auszuhandeln, die sich auch auf die Leistungsmessung und den Erhalt der bisherigen Schullaufbahn beziehen.“
Worum es in der Pädagogik bei Krankheit geht, ist: das erforderliche Wissen über schulrelevante Aspekte von Krankheit mit Empathie, d. h. Besorgtheit für kranke Kinder und Jugendliche zu verbinden. Weit über 10 % chronisch kranke Schülerinnen und Schüler sind keine zu vernachlässigende Größe. Das Schulsystem insgesamt wie jede einzelne Lehrerin, jeder einzelne Lehrer sind in diese Verantwortung für Solidarität und Fürsorge eingebunden. Und was die Schule für Kranke angeht, so kommt es darauf an, sie in ihrer Entwicklung zum Kompetenz- und Beratungszentrum vor allem als Verantwortungszentrum zu stärken und zu unterstützen. Eine wichtige und lohnende Aufgabe für die Schulverwaltung.
Zurück zu dem heutigen Anlass:
Vieles, was ich Ursula Gantenberg mit großem Dank und großer Wertschätzung sagen möchte, werde ich ihr im persönlichen Gespräch sagen. Ich bedaure ihren Abschied, denn ich verliere eine liebenswerte, kompetente und engagierte Mitstreiterin.
Aber – das Gute an einer guten Schulleiterin ist, dass sie eine gute Schule hinterlässt, mir deren Kollegium ich mit Freude auch weiterhin zusammenarbeiten werde. Ich werde in der Schule für Kranke München auch in Zukunft über 400 km Entfernung hinweg eine bevorzugte Nachbarschule sehen, wo man einfach mal anrufen, sich Rat holen kann und wo man mit der Konrektorin und kommissarischen Schulleiterin eine in jeder Beziehung gute Kontinuität pflegen kann.
München leuchtet.
Frieder Schmitt
Klinikschule Freiburg
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